Geh' in dich, nimm dein Ende wahr! Wirst nicht noch einmal hundert Jahr. *Mörike* Der alte Turmhahn

»Ich glaube, eine Frau kann viel leichter bei einem Mann etwas erreichen, wenn sie einen runden Busen hat. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir morgen vier Taschentücher in den Ausschnitt zu stopfen...« Annemarie Selinko "Desiree"
Gottes schönste Gabe ist und bleibt der Schwabe
Denn es ist nicht genug, einen guten Kopf zu haben; die Hauptsache ist, ihn richtig anzuwenden. *René Descartes*

Der Fall von Berlin, Dimitri Schostakowitsch

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Es gibt wohl keinen "seriösen" Komponisten, der so häufig für das Kino gearbeitet hat, wie Dimitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.

Quelle:
 

 Er komponierte etwa 35 Filmmusiken von "Das Neue Babylon" im Jahr 1928 bis "König Lear"  anno 1971 (ein weiteres Filmprojekt).
Die "Abgesandten der Ewigkeit" wurde vorzeitig abgebrochen.
Nicht einmal der "Nestor" der "Americana" , Aaron Copland bringt es auf vergleichbar viele. 

Darunter findet sich auch die schwierigste Disziplin im Genre, der Zeichentrickfilm
Er fordert, denn er muß vom ersten bis zum letzten Bild vertont werden.und das ist eine Knochenarbeit. Schostakowitsch war das aber aus jungen Jahren gewohnt. 

Philip Kemp schreibt in einer biographischen Notiz:
"Filme waren eine wichtige Einnahmequelle für Schostakowitsch zu Zeiten, als er ein öffentliches Gelächter war".
Aber er hatte auch eine große Liebe zum Kino 

Eine seiner frühesten Tätigkeiten war es, Stummfilme auf dem Klavier zu begleiten.
Leider wurde er dann entlassen, weil er so heftig über eine Hollywood-Komöde lachen mußte, dass er vergaß zu spielen.

Schostakowitschs Filmmusik ist vollkommen anders, als seine Musik für den Konzertsaal.

Niemals ist an der Musik von ihm etwas halbfertiges oder aber desinteressiertes.
Schostakowitsch erledigte seine Aufgaben stets souverän. Als man ihn danach befragte, zitierte er Nicolai Gogol mit einem Satz über das Schreiben für Kinder:
"Dasselbe wie für Erwachsene, nur besser."

An seinen Filmmusiken, nicht weniger, als in seinen Sinfonien und Streichquartetten, kann man jeden Aspekt seiner komplexen und oftmals auch paradoxen Persönlichkeit kennenlernen. 

Die Musik zum Film von Michail Tschiaurelis "Der Fall von Berlin" aus dem Jahr 1949, ist eine "Arbeit zum Überleben".

Es ist eine jener Aufgaben, deren Schostakowitsch sich mehr zum Schutze seiner selbst, wie auch seiner Freunde. erledigte.
Der "Fall von Berlin" ist der Rahmen eines großen Schlachtengemäldes, eines jener geschönten Heldenportraits, ein Stück sowjetischen Personenkults und der Held heißt:

Josef Wissarionowitsch Stalin.

Dieser wird lebensgroß dargestellt (von dem für diese Rolle bestellten Michael Gelowani) als genialer Schlachtenlenker, "der mit einem Telefonat ganze Feldzüge entscheidet".

Das macht zu Statisten in diesem Streifen:

Hitler, Eva Braun, Göring, Goebbels, ja selbst Roosevelt und Churchill, die
Stalin-Gelowani in Jalta trifft.

Der Film handelt von zwei Liebenden, dem Soldaten Alexej und der von den Deutschen verschleppten Lehrerin Natascha und endet mit einer Ansprache Stalins:

"So wollen wir den Frieden der Welt hüten, das Glück ist euch alle meine Freunde!"

So sprach der Große, der vermeintliche Führer und Lehrer.

Schostakowitsch sagt über den Regisseur des Films, Tschiaureli an einer Stelle seiner Erinnerungen: 

"Seine elaborierten Schöpfungen ermöglichten mir das Überleben in härtester Zeit!"

An anderer Stelle nennt er ihn
"einen der größten Schurken und Bastarde".

Die Figur hinter Tschaureli heißt Stalin.

Zu diesem hatte der Komponist eine höchst widersprüchliche, immer gefährdete "Sonderbeziehung".

"Für uns Sowjets", so Schostakowitsch laut Salomon Wolkow:

"ist der Film die wichtigste Kunstform."

Wie man wissen sollte, hatte Lenin das gesagt. 
Stalin bekräftigte diesen profunden Gedanken und er setzte ihn in die Tat um. Stalin lenkte höchstpersönlich die Filmindustrie. 

Stalin selbst entschied meistens, wer die Filmmusik schreiben sollte und er entschied sich immer für Schostakowisch.
Schostakowitsch: "unter diesem Aspekt wäre es von mir unvernüftig gewesen, die Arbeit für den Film abzulehnen."

So ging es übrigens auch vielen Schauspielern und Regisseuren, die im Nazi-Deutschland Filme produziert haben.
Was hätten sie denn machen sollen?

Ist wie heute!?
Spielst du nicht mit, wirst du entlassen.

Schostakowitsch bezeichnete sich selbst als Stalins "Jurodiwy".

Jurodiwy, kann man als sogenannten "Hofnarr" der Zarenzeit bezeichnen,
einen auf der Rasierklinge balancierenden, von der Laune seines Herrn geduldeter Spaßmacher oder Künstler. 

Jurodiwy hat im "Fall von Berlin" ganz Arbeit geleistet.
Stalin hätte sich kaum mythenträchtigere Musik für sein musikalisches Denkmal wünschen können. 

Das Vorspiel ist majestätisch und enthält noch obendrein eine georgische Volksweise (Stalin war Georgier) 

Es folgt
Szene am Fluß,
mit Streichertremoli, Celesta und Holzbläsersoli, eine sehr stimmungsvolle Szene.

Die "Attacke" entwickelt Kräfte, die auf die "heroische" zehnte Sinfonie Schostakowitschs hinweisen. 

HIER

"Im Garten"
ist ein sehr schönes poetisches Intermezzo aus Chor und Kammerensemble.

"Die Erstürmung der Seelower Höhen"
Diese Schlacht war für den Komponisten eine langwierig Knochenarbeit  Hier tobte die Entscheidungsschlacht vom 16. bis zum 19. April 1945.

Knapp 1 Million Rotarmisten kämpfte gegen 120.000 deutsche Soldaten. Die erste Weißrussische Front unter General Schukow durchbrach dabei in einem groß angelegten Angriff die Stellung der Heeresgruppe Weichsel.
Diese Schlacht bedeutete auch das Ende der Ostfront.
Kann sein, dass das manche nicht interessiert, mich schon.

Quelle:

Die Seelower Höhen mit der Kreisstadt Seelow liegen am Oderbruch ca.
70 Kilometer von Berlin. Dort sind die Spuren des 2. Weltkrieges noch sichtbar und dort befindet sich auch ein Dokumentationszentrum.

Ich möchte mir das sicherlich einmal anschauen, denn wie ich gelesen habe, ist Seelow eine sehr sehr schöne Stadt. Damit muß ich mich mal befassen.
Es fehlt mir schon noch einiges über meine Sammlung über den 2. Weltkrieg und die Nazizeit. Mein Vater war ja über drei Jahre in Torgau in Festungshaft - was das heisst, kann man vielleicht nur erahnen. Er wurden  wiederholt aufgefordert, sich an das System anzupassen, hat er nicht, wurde seines Amtes enthoben und landete dann eben in Torgau, immerhin drei Jahre. Entschädiung, das gabs auch nicht und Flucht war ja auch nicht möglich.
Über dieses psychische Folter ist mein Vater nie hinweggekommen.

Hier

 "Im zerstörten Dorf"

Die Kehrseite der heroischen Medaille.
Zerstörung und Verzweiflung, wobei die Musik auch eine große Resignation zeigt und dann weiter vereebt. 

"Eine Szene in der U-Bahn"

Als Verfolgungsmusik angelegt, mit einer Besonderheit, die Ausblendung ist  einkopiert. 

Das "Finale" greift wieder auf das Vorspiel zurück  und es steigert das Volkslied, wie schon Tschaikowsky in seiner 1812 - Ouvertüre (die stelle ich ein anderes Mal vor)
den Choral  - zum Siegeshymnus

"Stalin in excelsis"!


 

Man kann schon erahnen, mit welcher Bitterkeit Schostakowitsch im Alter gerade dieser Art von Filmmusik gedachte. 

Quelle:
Thomas Rübenacker, "Der Fall von Berlin"

Ich habe vor einiger Zeit die 7. Sinfonie (Leningrader) von Schostakowitsch in einem Post vorgestellt. Hier habe ich auch geschrieben, dass man Schostakowitsch nicht als Unterhaltung hören kann, da muß man schon ein wenig sich damit befassen.
So nebenher gehts eben nicht.

Die Filmmusik 

 

Der Film, bekomme ich leider nur mit Link hin.
Es lohnt sich aber, ihn anzusehen. 

HIER

 

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