Die Butterkuchen-Serenade 9. Teil
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Der mit der Gitarre
Drei Tage später sah Eva den jungen Mann mit der Gitarre wieder. Sie saß auf der Bank vor der Kirche, ein Buch auf den Knien, als er aus Richtung der Mühle kam. Diesmal trug er keine Gitarre, sondern einen Skizzenblog.
"Na, verlorener Sohn von Cleversulzbach?", rief sie ihm zu. "Hast du die Mühle gefunden?"
Er lachte und setzte sich neben sie, ohne zu fragen.
"Ja danke. Ich habe sogar die Erlaubnis bekommen, dort eine Woche zu malen. Die Besitzerin ist sehr nett. Ihre Tochter backt den besten Kuchen der Welt", sagt sie. Er grinste.
"Stimmt das?"
Eva musste lächeln. "Kommt darauf an. Butterkuchen? Dann ja."
"Butterkuchen". Er nickte anerkennend. "Ich heiße übrigens Lukas."
"Eva"
"Eva aus Cleversulzbach?"
"Eva aus Heilbronn, aber mit Wochenend-Wohnsitz bei meiner Oma".
Lukas öffnete seinen Skizzenblog. Eva sah flüchtige Zeichnungen von Bäumen, der Mühle, einem Bach.
"Du malst?", fragte sie.
Ich versuche es. Eigentlich studiere ich Architektur in Stuttgart. Aber die Skizzen sind für meine Seele". Er hielt ihr den Block hin. "Das ist die Wiese hinter der Mühle. Wo die Gänseblümchen wachsen."
Eva erstarrte kurz. Gänseblümchen. Aber Lukas merkte nichts davon. Er zeigte auf eine kleine weiße Blüte in der Ecke des Blattes. "Die sind mein Lieblingsmotiv, so zart und trotzdem überall. Wie kleine Sterne auf der Erde."
"Ja", sagte Eva leise. "Genauso habe ich sie immer gesehen."
Sie schwiegen einen Moment. Ein Vogel sang irgendwo im Kirschbaum.
"Lukas", sagte Eva dann , warum bist du wirkllich hier? Also nicht nur wegen der Mühle.
Er drehte den Bleistift zwischen den Fingern. "Mein Vater ist gestorben. Vor einem halben Jahr. Ich mußte raus. Die Stadt, die Uni, die ganzen Erwartungen... hier ist es ruhig. Da kann ich denken." Er sah sie an. "Und du? Warum bist du jedes Wochenende hier?"
Eva zögerte. Dann erzählte sie ihm von Horst. Von den Sommern, den Gänseblümchen, dem Butterkuchen. Von der Trennung und dem Studium in Heilbronn. Lukas hörte zu, ohne zu unterbrechen. Als sie fertig war, sagte er nur:
"Er war ein Idiot."
Eva lachte überrascht. "Nein, das war er nicht, er hatte nur Angst. Oder Träume, die größer waren, als Cleversulzbach.
"Trotzdem." Lukas stand auf. "Komm lass uns zur Mühle gehen. Ich zeige dir meinen Lieblingsplatz. Und vielleicht bringt deine Oma uns einen Butterkuchenvorbei?"
Eva zögerte. Aber dann dachte sie an Omas Worte: "Die Liebe geht manchmal, damit eine neue kommen kann." Sie stand auf.
"Einverstanden. Aber den Kuchen holen wir selbst. Oma hat heute ihr Kaffeekränzchen."
Sie gingen zusammen den Wiesenweg entlang. Lukas pflückte unterwegs kein einziges Gänseblümchen. Das war gut. Eva merkte, dass sie das brauchte: Jemanden, der die Blumen stehen ließ. Weil sie so schön waren, wie sie wuchsen.
Am Abend saßen sie auf der Mühlenbrücke, die Füße über das Wasser hängend, und teilten sich ein Stück Butterkuchen. Lukas erzählte von seinem Vater, einem Ingenieur, der nie verstand, warum sein Sohn Architektur studieren wollte - "das ist auch nur gemalte Technik", pflegte er immer zu sagen. Eva erzählte von ihrer Mutter, die immer wollte, dass die Ärztin wird, und von Oma, die nie drängte.
Als die Sonne unterging, sagte Lukas: "Morgen fahre ich zurück nach Stuttgart. Aber nächste Woche komm ich wieder. Die Mühle ist noch nicht fertig gemalt."
Sie standen auf. Lukas nahm ihre Hand - nicht fordernd, nicht zärtlich, einfach so, wie man die Hand eines Menschen nimmt, mit dem man noch einen weiten Weg gehen möchte.
"Bis nächste Woche, Eva aus Cleversulzbach".
"Bis nächte Woche, Lukas aus Stuttgart".
Sie gingen getrennte Wege an der Weggabelung, aber Evas Herz fühlte sich leicht an. Nicht verliebt. Nicht traurig. Einfach offen.
Als sie bei Oma ankam, stand der Butterkuchen auf dem Tisch. Oma sah sie an und lächelte. "Du strahlst", sagte sie.
Eva setzte sich.
"Nein, Oma. Ich atme nur wieder."
Fortsetzung folgt.
Die letzten Butterkuchengeschichen











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