Geh' in dich, nimm dein Ende wahr! Wirst nicht noch einmal hundert Jahr. *Mörike* Der alte Turmhahn

»Ich glaube, eine Frau kann viel leichter bei einem Mann etwas erreichen, wenn sie einen runden Busen hat. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir morgen vier Taschentücher in den Ausschnitt zu stopfen...« Annemarie Selinko "Desiree"
Gottes schönste Gabe ist und bleibt der Schwabe
Denn es ist nicht genug, einen guten Kopf zu haben; die Hauptsache ist, ihn richtig anzuwenden. *René Descartes*

Die Butterkuchen-Serenade 11. Teil

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Ein Sommer voller Gänseblümchen 

Der 10. Teil der Butterkuchen-Serenade endete damit, dass ein Brief von Horst ankam, den Eva auch beantwortete.

HIER  

 Die Antwort von Horst kam nie. Eva hatte auch keine erwartet. Sie spürte, dass sie ein Kapitel abgeschlossen hatte - endgültig. Der Briefkasten am  Ortseingang von Cleversulzbach, wurde zu einem stillen Zeugen des Abschieds, der längst überfällig war. 


 

Lukas blieb. Nicht jeden Tag, aber jedes Wochenende. Er kam mit dem Zug aus Stuttgart, manchmal mit der Gitarre, manchmal mit dem Skizzenblog und manchmal nur mit sich selbst. Eva holte ihn immer am Rathaus in Cleversulzbach ab. Sie  machen dabei immer einen kleinen Umweg über den Mörikepfad, zum Haus von Oma, denn hier wurden die Wiesen im Frühsommer mit sattem Grün gesäumt. 

 


 

"Weisst du", sagte Lukas an einem dieser Samstage, "ich habe noch nie so oft Butterkuchen gegessen, wie in den letzten Wochen." Eva lachte. "Das ist ein gutes Zeichen. Oma meint, Butterkuchen ist das Thermometer der Seele. Je mehr man isst, desto wärmer ist es im Herzen." Lukas blieb stehen. "Dann muß mein Herz inzwischen backofen-heiß sein".

Oma beobachtete die beiden von der Küche aus. Sie sagte nichts, aber sie lächelte oft in letzter Zeit. Sie buk jetzt die doppelten Mengen.

Mitte Juni passierte etwas, das Eva nicht erwartet hätte. Lukas lud sie nach Stuttgart ein. "Ich will dir zeigen, wo ich  lebe", sagte er. "Meine Wohnung, meine Uni, mein Lieblingscafe. Und meine Freunde". Eva zögerte etwas. Sie war seit der Trennung von Horst nicht mehr verreist - nicht mal für einen Tag. Aber sie sagte "ja". 

Es war ein seltsames Gefühl, in den Zug zu steigen, der in die große Stadt fuhr. Lukas hielt ihre Hand die ganze Fahrt über. In Stuttgart angekommen, führte er sie durch die Straßen, die nach Abenteuer rochen. Seine Wohnung war klein und chaotisch, voller Bücher und Notenblätter. An der Wand hing eine Zeichnung von Cleversulzbach - die Mühle, die Brücke, der Apfelbaum. 

"Das habe ich in der ersten Woche gemalt", sagte Lukas. "Bevor ich dich kannte. Ich wusste damals schon, dass dieser Ort wichtig wird für mich. Ich wusste nur noch nicht, warum". 

Am Abend saßen sie mit seinen Freunden in einem Hinterhof, tranken Wein und hörten Musik. Eva fühlte sich willkommen, obwohl sie niemanden kannte. Lukas´s beste Freundin, eine Malerin namens Jule, flüsterte ihr zu: "Er redet ständig von dir. Die letzten Monate nur noch von Cleversulzbach und Butterkuchen und einem Mädchen mit Gänseblümchen im Haar. Ich bin froh, dass es dich wirklich gibt."

Eva errötete. Aber es fühlte sich gut an. 

Zurück in Cleversulzbach, nach diesem Wochenende, war alles ein bisschen anders. Lukas küsste sie zum ersten Mal - nicht auf der Mühlenbrücke, nicht unter dem Apfelbaum, sondern ganz alltäglich in Omas Küche. Eva stand am Fenster, Lukas kam auf sie zu, drehte sie sanft zu sich um, und da war es: ein Kuss, der nach Mehl und Zucker schmeckte und nach einem Versprechen, das keine Worte brauchte. 

Oma kam gerade mit der Post herein. Sie blieb in der Tür stehen, lächelte und drehte sich um und ging wieder hinaus. "Ich hol mal frische Eier vom Hühnerstall", rief sie über die Schulter, "Lasst Euch Zeit." 

Der Sommer zog sich wie flüssiger Honig hin. Eva fuhr nicht mehr jedes Wochenende nach Cleversulzbach - sie blieb manchmal in Heilbronn, und Lukas kam zu ihr. Sie lernten sich kennen in all den kleinen Dingen:

Dass Lukas morgens keinen Kaffee trinken konnte ohne drei Stücke Würfelzucker, dass Eva im Schlaf redete und machmal französische Vokabeln aufsagte, dass beide keine Spinnen mögen, aber so tun, als ob. 

Im August, als die Tage heiß wurden, fuhren sie zusammen an den Breitenauer See. 


 

 Lukas brachte seine Gitarre mit, Eva einen Picknickkorb mit Butterkuchen. 

Sie badeten, lagen im Gras und schauten in den Himmel. "Eva", sagte Lukas irgendwann. "Ich habe mich noch nie so gut gefühlt." Sie drehte den Kopf zu ihm. "Wie?" Er suchte nach Worten. "Wie zuhause. Aber nicht in einer Stadt oder in einem Haus, sondern bei dir". 

Eva sagte nichts. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und hörte sein Herz schlagen. Es klang anders als ihres. Ruhiger. Sorgloser. Und doch im gleichen Takt. 

Am Ende des Sommers passierte dann etwas, womit sie nicht gerechnet hatten. Oma rief sie an - nicht am Wochenende, sondern an einem Dienstag. Ihre Stimme klang anders. "Kind", sagte sie, "kannst du kommen? Es geht um das Haus."

Eva fuhr sofort hin. Lukas wollte mitkommen, aber sie sagte. "Nicht dieses Mal. Das muß ich alleine machen." Er verstand. 

Als Eva bei Oma ankam , saß sie am Küchentisch. Vor ihr lag ein Brief von den Erben des Vermieters, der gestorben war. 

Das Haus, in dem Oma nun seit fünfzig Jahren lebte, sollte verkauft werden. Die Erben planten einen Abriss. "Ich habe drei Monate", sagte Oma leise, "Dann muss ich raus". 

Eva setzte sich neben sie. Sie dachte an den Apfelbaum, an die Holzbank, an die Küche mit dem Butterkuchenduft. An all die Sommer ihrer Kindheit. An Horst. An Lukas. An das, was Cleversulzbach für sie war. 

"Dann finden wir eine Lösung", sagte Eva. Sie wusste noch nicht wie. Aber sie wusste, dass sie nicht aufgeben würde. Für Oma, für das Haus. Für alles, was dieser Ort bedeutete. 

Draußen blühten die Gänseblümchen. Eva beschloss, dass der Herbst kein Herbst des Abschieds werden würde. Sondern ein Anfang. 

 Fortsetzung folgt:

Die voherigen Butterkuchen-Serenaden findet man 

HIER  

 


 

 

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