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Die
warmen Strahlen der Nachmittagssonne tauchten den Garten in ein
goldenes Licht. Für Eva war es der perfekte Moment. Auf dem
stattlichen, purpurroten Sonnenhut saß ein wunderschöner Kaisermantel.
Seine orangefarbenen Flügel, durchzogen von einem edlen, schwarzen
Gittermuster, waren weit geöffnet. Ein absolutes Traummotiv.
Eva ging in die Hocke, hielt den Atem an und blickte durch den Sucher. Nur noch ein kleines Stück scharfstellen... Klick.
„Kannst
du mal aufhören, mir dieses riesige Glasauge ins Gesicht zu halten?“,
brummte eine winzige, aber überaus genervte Stimme.
Es
war der Kaisermantel. Sein Name war Aurelius, und er hatte heute
absolut keine Lust, Model zu spielen. Er war nicht hier, um schön
auszusehen, sondern weil er schrecklichen Hunger hatte. Der Nektar des
Sonnenhuts war süß und klebrig, aber dieses ständige Herumschleichen des
Menschen ruinierte ihm den ganzen Appetit.
Der
Fotograf, der natürlich kein Schmetterlingsisch verstand, sah nur ein
perfektes Bild und machte noch einen Schritt nach vorne. Klick. Klick.
„Oh,
bitte!“, seufzte Aurelius und klappte demonstrativ die Flügel zusammen.
Jetzt war von seiner kaiserlichen Pracht nicht mehr viel zu sehen. Die
Flügelunterseiten zeigten nur noch ein unauffälliges, grünlich-silbernes
Muster. Er sah jetzt eher aus wie ein vertrocknetes Blatt, als wie der
König des Blütenreichs.
„Mach
die Flügel wieder auf, du wunderschönes Ding!“, flehte Eva leise und wedelte vorsichtig mit der Hand, in der Hoffnung, den Falter
zu einer neuen Pose zu bewegen.
Aurelius
dachte gar nicht daran. Er drehte dem Objektiv den Rücken zu, krabbelte
ein Stück weiter nach links und steckte seinen Rüssel tief in eine
kleine Röhrenblüte. Schlürf. Das war viel besser.
Doch Eva gab nicht auf. Sie veränderte den Winkel, legte sich flach
in den Rasen und wartete geduldig darauf, dass die Flügel sich wieder
öffneten.
„Der Typ ist ja hartnäckig“, murmelte Aurelius genervt zu der Hummel, die gerade auf der Nachbarblüte gelandet war.
„Genieß
doch die Aufmerksamkeit“, summte die Hummel gutmütig zurück. „Mir laufen sie nie hinterher. Zu pummelig, sagen sie wohl.“
Aurelius
schüttelte den kleinen Kopf. Er hatte genug. Er wollte in Ruhe fressen,
ohne dass jeder Bissen dokumentiert wurde. Als Eva gerade den
Atem anhob, um den nächsten Versuch zu starten, fasste der Kaisermantel
einen Entschluss.
Er
wartete, bis das Objektiv ganz nah an ihn herangezoomt war. Dann
öffnete er mit einem Schlag die Flügel – aber nicht, um zu posieren. Mit
einem kräftigen Abstoß flog er mitten auf die gläserne Linse der
Kamera, hielt sich kurz an der Sonnenblende fest und krabbelte frech im
Kreis herum.
„Hey!“,
rief Eva überrascht und wich erschrocken zurück. Das Bild im
Sucher war plötzlich komplett schwarz-orange verschwommen.
Aurelius
nutzte den Moment der Verwirrung. Mit einem eleganten Looping flog er
davon, geradewegs hinein in den kühlen, schattigen Waldrand, wo andere Blüten auf ihn warteten. Dort gab es zwar keine Evas, aber jede
Menge Nektar und vor allem: absolute Privatsphäre. Ein echter Kaiser
bestimmt schließlich selbst, wann er Hof hält.
Eva zog sich dann zurück und dachte: "Das war wohl heute nichts, dafür hatte ich heute andere schöne Erlebnisse, man muß auch zufrieden sein."
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