"Mein verwundetes Herz", das Leben der Lilli Jahn 1900-1944

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Mein verwundetes Herz
 von Martin Doerry


Als ich im letzen Jahr bei meiner Polenrundreise das Lager Auschwitz besucht habe, habe ich auch den Namen 
Lilli Jahn gelesen und mich mit ihrer Geschichte befasst.
 








Die Briefe der Lilli Jahn und ihrer Kinder zeigen die herzzerreißende Alltagswirklichkeit einer Mischehe im 
Dritten Reich.
Der Verfasser des Buches, Martin Doerry, ist der Sohn von Jürgen Doerry, der bis zur Pensionierung Bundesrichter in Karlsruhe war, und 
Ilse Doerry, der Tochter von Lilli Jahn.  

Der Sohn von Lilli Jan, Gerhard Jahn, 
war von 1967 bis 1969 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium des Auswärtigen und von 
1969 bis 1974 
Bundesminister der Justiz. 


Gerhard Jahn kam in den Besitz dieser Briefe und bewahrte sie auf, sprach aber nie darüber. Zu Ehren seiner Mutter pflanzte Gerhard Jahn zwei Bäume in Yad Vashem in Jerusalem. Das Gedenken an Lilli Jahn wird aber auch dadurch gepflegt, dass in der heutigen Gedenkstätte Breitenau eine Vitrine mit Briefen und Erinnerungsstücken an Lilli Jahn steht. In Immenhausen, dem Wohnort von 
Lilli Jahn, wurde 1995 eine Straße und 1990 die örtliche Grundschule nach ihr benannt. In Guxhagen ist 2011 der Platz vor der ehmaligen Synagoge nach Lilli Jahn benannt worden. Im Kasseler Stadtteil "Vorderer Westen" wurde der Platz vor der Adventkirche in 
Dr.-Lilli-Jahn-Platz umbenannt. In Kassel ist es nicht üblich, in einem Straßen- oder Platznamen den Doktortitel mit anzugeben. Hier wurde  eine Ausnahme gemacht, weil die Nennung des Doktortitels auf dem Klingelschild zu der Verhaftung von Lilli Jahn beitgetragen hat. 


Laut Gesetz vom 1.1.1939  mussten Juden in Deutschland, zusätzlich zu ihrem Vornamen noch den Namen Sara oder Israel führen. 
Ausserdem war es Juden nicht mehr erlaubt den erworbenen Doktortitel zu führen. Da Lilli Jahn zwar den Namen Sara angenommen hatte, aber ihren Doktortitel weiter am Klingelschild führte, wurde sie verhaftet.



Dieses Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen und die dazu erlassenen Verordnungen wurden federführend vom Reichsinnenministerium erarbeitet und von

 Hans Globke (Ministerialdirigent unter Konrad Adenauer und Träger des Verdienstkeuzes der Bundesrepublik Deutschland) - kopfschüttel -, abgefasst.  

Auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd erinnert eine Inschrift auf dem Grabstein ihres Vaters Josef Schlüchterer an Lilli Jahn.
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Lilli Jahn wird am 1. März 1900 als Tochter des Kaufmanns Josef Schlüchterer und seiner Frau Paula in Köln geboren. 

Sie besucht ein Privat-Lyceum und macht 1919 ihr Abitur. 

1924 macht sie ihr Staatsexamen und die Promotion in Köln und ist von 1924 bis 1926 in verschiedenen Praxen, sowie im Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache in 
Köln-Ehrenfeld tätig. 

Am 12. August 1926 heiratet sie Ernst Jahn in Köln und zieht mit ihm in eine Wohnung in Immenhausen bei Köln. 
Lilli Jahn bekommt  fünf Kinder und Ernst Jahn und sie sind ein eher ungleiches Paar. Lilli nennt ihrem Mann zärtlich Amadé.  Ein eher blasser Mann neben Lilli, der sich erst für Lilli entschieden hatte, als sich eine andere Frau von ihm abgewandt hat.

Am 8. Oktober 1942 wird die Ehe mit Ernst Jahn geschieden.
Er hatte sich in eine jüngere nicht jüdische Ärztin verliebt.
Vorher bekam die Ärztin noch ein Kind von Ernst Jahn, bei dessen Geburt Lilli Jahn Geburtshilfe leistete. 
Das muß man sich mal vorstellen! 
Die Geliebte zog mit ihrem Kind nach Kassel, während Ernst Jahn bei seine "alten" Familie blieb. 
Inwieweit er versuchte Lilli Jahn zu retten, ist niemals geklärt worden, es bleibt im dunklen. 

Durch den Bürgermeister von Immenhausen denuziert, wurde sie am 30. August 1943 durch die Gestapo verhaftet und im Polizeipräsidium Kassel wegen Verstoßes gegen die Polizeiverordnung verhört. Hier wurde sie am 
3. September 1943 im Arbeitserziehungslager Breitenau interniert. 

Am 17. März 1944 wird Lilli von Breitenau nach Ausschwitz deportiert und findet am 17. oder 19. Juni 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau den Tod. 

Genaueres ist nicht bekannt. 
Als ich im letzten Jahr bei meinem Polenbesuch das Lager Ausschwitz-Birkenau besucht habe, habe ich auch ihren Namen gelesen und habe deshalb auch das Buch beim 
Jour-Fix vorgeschlagen.
Das Buch stelle ich dir heute vor. 

Dieses Buch ist keine historische Abhandlung, was ich hier gelesen habe, ist weder erfunden noch erdichtet. Ich habe beim Lesen des Buches oft gedacht, hätte sich Jemand das nur ausgedacht, aber sowas kann man sich schlecht ausdenken. Hier tritt einem die Geschichte entgegen, die nationalsozialistischen Massenmorde, in deren Zentrum die persönlichen Briefe von Lilli Jahn und ihrer Kinder stehen. 

Lilli Jahn gelang es, Kassiber aus dem Gestapo-Lager Breitenau bei Kassel herauszuschmuggeln.

Der Kontakt zwischen ihr und ihren Lieben brach bis ins Jahr 1944, bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz, nicht ab. 
Selbst am Ort ihrer Ermordung sandte sie eine letzte Nachricht ab, sie war aber bereits viel zu schwach, selbst zu schreiben.  

Das Konvolut enthält 250 Briefe, die Gerhard Jahn aufgewahrt hat. Es ist unklar, warum er sie nicht veröffentlicht hat. 

Martin Doerry, der Sohn der ältesten Tochter von Lilli Jahn, Ilse, war stellvertretender Spiegel-Chefredakteur und stellte Nachforschungen an. 
Die Familie konnte bis zu 300 Briefe auftreiben, die teils von Lilli selbst stammten. Sie war ihr Leben lang eine leidenschaftliche Briefschreiberin. 

Dieses Buch ist mit dem Buch von Anne Frank vergleichbar, zeigt es auch die Not, in der damals die Juden standen.

Martin Walser schrieb über dieses Buch.

"Ich hab noch nie von einem Buch gesagt, es gehöre in die Schule, hier muß ich das sagen."
Süddeutsche Zeitung. 

Der Meinung von Martin Walser schließe ich mich an. 
Ich werde auch meinem Enkel zu gegebener Zeit von "unserer Geschichte" erzählen. So wie es mir meine Eltern auch erzählt haben.

Oft bin ich auch entsetzt, dass viele junge Menschen über "Auschwitz" nicht Bescheid wissen. 
   
Es ist nicht immer eine Entschuldigung zu sagen, dass der Unterricht in den Schulen daran schuld ist, dass viele Jugendliche hier nicht mehr Bescheid wissen. Das Elternhaus kann hier auch ein wenig dazu beitragen. 
Gerade auch deshalb, weil die Repressalien gegen Juden immer mehr zunehmen. 
Alles kann man nun wirklich nicht Lehrern überlassen, dazu gehört auch, dass man es den Kinder vermittelt. Bücher dazu gibt es genug und auch im Internet kann man vieles dazu lesen. 

Kommentare

  1. Vor einiger Zeit lief im Fernsehen eine Dokumentation von Lilli Jahn. Die hat mich sehr berührt, auch Auszüge aus ihren Briefen würden vorgelesen. Es war sehr traurig. Eine schlimme Zeit, lass uns hoffen, dass so etwas nie mehr passiert... In einem KZ wurde ein Hilferuf an die Wand geschrieben, der vertont wurde... Er war an Maria gerichtet. Das Musikstück anzuhören, ist sehr bedrückend... LG

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    1. Meine Ansicht sollte jeder, dieses Lager einmal besuchen müssen.
      Es ist eine Tötungsfabrik, du bist ein anderer Mensch, wenn du dieses Lager wieder verlässt. Ich war schon in einigen Konzentrationslagern u.a. auch Mauthausen in Österreich. Dachau und vor allem Buchenwald. Aber gegen Auschwitz!
      Man ist sprachlos. Ja, es gibt eine -Dokumentation über Lilli Jahn wir haben sie beim Jour fix auch angesehen, aber das Buch zu lesen, ist doch noch etwas anderes.
      Lieben Gruß Eva

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  2. Liebe Eva,
    danke für diesen Post .. das Buch kenne ich nicht, aber ich habe auch vor einiger Zeit eine Doku im TV darüber gesehen ... es macht wirklich sprachlos und so traurig, wie man damals mit Menschen umgegangen ist ....Danke für den Buchtip, ich denke, ich werde es lesen!
    Ich wünsche Dir einen schönen und freundlichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  3. Liebe Eva,
    dein Bericht hat mich sehr berührt, dieses Buch kenne ich nicht, ansonsten beschäftige ich mich sehr mit jüdischer Geschichte, wir hatten lange Zeit regen Kontakt zu einem jüdischen Ehepaar in New-York, es waren ehemalige Ihringer. Sie waren dreimal hier in Ihringen, ihrer alten Heimat und es waren liebevolle Begegnungen, sie hatten einiges zu erzählen, nun sind sie leider verstorben. Wir waren auch in Auschwitz, mich haben die vielen Schuhe sehr beeindruckt, ausserdem alle beschrifteten Koffer, ja, ich stimme zu, man geht als ein anderer Mensch wieder in den Alltag zurück. Unverständlich für mich ist, dass es Leute gibt, die das alles als Unfug hinstellen oder als "Vogelschiss" bezeichnen.
    Liebe Grüße
    Edith

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    1. Liebe Edith,
      ganz lieben Dank für deine Ausführungen. Manche Leuten meinen halt zum Thema auch, dass das alles abgeschlossen ist nicht immer wieder aufgewärmt werden muß. Ichmeine, man darf das einfach nicht vergessen, wie es bei manchen Völkern so geschieht.
      Die Türken lehnen bis heute ihre Verbrechen ab, wenn Jemand das öffentlich in der Türkei anspricht, dann wird er verhaftet, die Japaner haben ihre Verbrechen an den Chinesen niemals zugegeben und man findet diese Massaker in der Mandschurei in keinem Geschichtsbuch. Die Chinesen in Tibel haben unglaubliches begangen. Man könnte es so fortführen. Auch die Belgier unter ihrem König Leopold haben im Kongo vieles angerichtet, das ist wirklich unglaublich und wenn ich an Lumumba denke, das ist eine Sauerei.
      Es haben viele Völker Unglaubliches begangen, wovon vieles Menschen gar nichts wissen, weil sie es auch nicht erfahren, bzw. sich kundig machen.
      Die Belgier haben sich für ihre Verbrechen entschuldig und die Deutschen auch. Viele Völker bekennen sich nicht dazu.
      Für mich ist es halt immer wieder erstaunlich, wieviele Geschichtslücken die Leute aufweisen, da ist die Schule nicht schuld, da gehört auch ein Elternhaus dazu, das einem das vermittelt.
      Wenn du mal gucken möchtest, ich habe dazu mal etwas geschrieben.

      https://schwabenfrau.blogspot.com/2018/12/darumfrieden_18.html

      Lieben Gruß Eva
      mein Vater selbst war Verfolgter im Nazideutschland und ich bin immer noch auf der Suche nach mehr, denn soviel hat er mir nicht erzählt.

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    2. Achso, wer kennt heute noch Lumumba?
      https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba
      LG Eva

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  4. Liebe Eva,
    in der DDR damals wurde sehr viel dafür getan, dass man nicht vergisst.
    Schon in der 6.Klasse und dann in der 8. standen immer wieder Pflichtbesuche von KZs an. Buchenwald, Ravensbrück. Auch Bücher über diese Zeit waren damals Pflichtlektüre in der Schule - z.B. "Nackt unter Wölfen" oder ein Buch über diese Mengele. Als halbes Kind war das schon sehr schlimm, darüber zu erfahren.
    Aber wie schlimm war es erst für die Kinder, die es selbst erleben mussten.
    Sehr gut deine Buchvorstellung!
    LG Urte

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    1. Liebe Urte,
      die DDR, das kann man sehen, wie man will. Aber die Schüler hatten das Fach
      "Staatsbürgerkunde", das fand ich nicht mal so schlecht. Allerdings hat sich die DDR immer von dem Holocoust distanziert.
      Ja, und Mengele die Langmaschinenfabrik, warst du mal in Günzburg, ich vor Jahren ja, das stößt man dann auf Schweigen, wenn man nach Herrn Mengele fragt, er hörte gerne Verdi und Rigoletto und dabei selektierte er dann die Menschen. ABER, als das Lager Auschwitz befreit wurde, haben die Amerikanter die Ergebisse der Versuche von Herrn Mengele alles mitgenommen. Wer weiß warum und was sie damit machen. Es ist so vieles noch im dunkeln.
      Lieben Gruß Eva

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  5. Liebe Eva,
    Danke für die Vorstellung dieses Buches über eine außergewöhnliche Frau und ihr furchtbares Schicksal. Solche Bücher lassen einen immer sprachlos zurück, gell.
    Liebe Grüße
    moni

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  6. Da Lilli Jahn eine gebürtige Kölnerin ist, war ihr Schicksal natürlich Thema in der Stadt gleich nach der Herausgabe des Buches bzw. nach bekanntwerden der Briefe im Nachlass ihres Sohnes Gerhard. Sie war ja auch Schülerin an einer mir gut bekannten Schule der Stadt.
    Ich habe das Buch damals verschlungen und war sehr berührt von der Tatsache, dass der ehemalige Bundesjustizminister so gar kein Aufhebens von seiner Familiengeschichte gemacht hat.
    In Köln gibt es einen Stolperstein vor ihrem ehemaligen Wohnhaus. Diese Steine finde ich großartig, und sie sind immer wieder Anlass für Gespräche mit den Enkeln.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      es ist wohl bis heute nicht bekannt, warum er immer wieder darüber geschwiegen hat.
      Ich finde es sehr gut, dass diese Briefe bekannt geworden sind, Die Stolpersteine,
      finde ich auch sehr gut und in Ludwigsburg hat es sehr viele, denn diese Stadt hat hier viel zu erzählen. Wenn die Zeit mal soweit ist, erzähle ich davon. Manches so so schlimm, manches kann man - wie ich schon geschrieben habe - sich gar nicht ausdenken.
      Lieben Gruß Eva, das Wetter macht einen heute schon trübsinnig.
      Danke auch dir für deinen Kommentar auf eine eher schwieriges Thema.

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  7. es war eine schlimme Zeit
    und man darf wirklich nicht aufhören darüber zu reden
    das Buch kenne ich nicht
    auch nicht die Geschichte dieser Frau
    ich bin immer wieder "erschrocken" darüber wie man diese doch geistig hochstehenden Menschen so behandeln konnte
    die meisten der "Schergen " konnten ihr doch sicher nicht das Wasser reichen
    war es Mißgunst.. Neid.. oder einfach nur die "Lust" Menschen zu demütigen ??
    Man muss auch heute gut aufpassen
    es gibt wieder solche Tendenzen

    liebe Grüße
    Rosi

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  8. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bisher noch nie etwas über sie gehört habe. Das Buch habe ich mir schon notiert. In der Schule haben wir uns sehr intensiv mit dieser Zeit beschäftigt und eine zeit lang habe ich viele Filme über diese Zeit gesehen. Und das Thema ist aktueller denn je. Danke für diesen wichtigen Beitrag.
    LG Pat

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  9. Das Buch von Lili Jahn habe ich vor ein paar Jahren auch gelesen, ich muss es mal im Regal suchen.
    Es hat mich tief bewegt, aber so intensiv habe ich mich dann nicht mehr mit ihr befasst.
    Besonders interessant sind für mich immer die Bilder im Buch, da kann ich mir das alles noch viel besser vorstellen.
    Danke nochmal für den Tipp, ich werde es nochmal lesen...
    lieben Gruß
    Nicole

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