Vom schlechten Gewissen!
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Es ist Samstagvormittag. Wie immer gehe ich einkaufen und im Breuningerland vorbei.

In einem Landengeschäft stehe ich in einer Umkleidekabine. Die Luft hier drin ist stickig, nach den Leuten, die vorher hier in der Umkleidekabine waren. Es riecht nach diesem leichten, faden Schweißgeruch, gemischt mit dem aufdringlichen Parfüm, meiner Vorgängerinnen.
Vor mir, an einem schlichten Holzbügel hängt ein Pullover. Er ist weich. So weich, dass meine Fingerkuppen beim Darüberstreichen hängen bleiben. Er ist in einem dunklen Olivgrün, einer dieser Farbtöne, die man als "interessant" bezeichnet, die nicht schreien, sondern einfach nur da sind und gut aussehen.
Ich drehe das Preisschild um.
Und da ist er. Der Gedanke. Dieses sofortige kleine Zucken im Magen.
195 Euro.
Mein Kopf beginnt zu rechnen. Das ist mehr als der Opernbesuch in Stuttgart. Das sind drei Restaurantbesuche mit Freunden. Das sind zwei Paar Schuhe, die ich ja eigentlich bräuchte, oder auch nicht.
"Das ist", flüstert eine strenge Stimme in mir, "unverantwortlich". Ich habe doch schon Pullover. Zwei. Oder drei. Okay, viele. Aber keinen in diesem Grün.
Die strenge Stimme ist die meiner Mutter. Oder die der Studentin, die ich einmal war und die sich Nudeln mit Pesto wochenlang von der Discounter-Eigenmarke kaufen musste. Sie erinnert mich an die Fixkosten, an die Sparrate, an das Geld, das ich eigentlich für die neue Waschmaschine zurücklegen wollte.
195 Euro für ein Stück Stoff aus Kaschmir und Wolle?
Lächerlich.
Doch da ist noch eine andere Stimme. Die ist leiser, aber hartnäckig. Sie sagt: "Fass ihn nochmals an." Ich tue es. Er ist so weich. Die Stimme sagt: "Du hast diesen Monat kaum etwas ausgegeben. Du hast auf das Konzert verzichtet, weil es dir zu laut war. Du hast diesen blöden Pulli, der immer kratzt. Den magst du ja gar nicht. Den kannst du noch nicht noch einen Winter tragen."
Ich stehe da, drehe mich hin und her, fang meinen eigenen Blick im Spiegel. Es ist nur ein Pullover. Es ist nur Geld. Aber es fühlt sich nach mehr an.
Nach einer Entscheidung, erlaube ich mir diesen kleinen Luxus, oder bleibe ich die Person, die immer vernüftig ist und auf Nummer sicher geht?
Das Preisschild hängt noch. Ich greife danach, halte es in der Hand. Die
195 Euro starren mich an. Ich könnte ihn jetzt ausziehen, ordentlich zusammenlegen, zurück an die Stange hängen und gehen. Das wäre das Vernüftigste. Morgen hätte ich ihn vergessen. Wahrscheinlich.
Oder aber, ich gehe zur Kasse.
Die Schlange ist kurz. Die Verkäuferin lächelt mich an. "Eine gute Wahl", sagt sie. Ich nicke, lege den Pullover auf das Holz der Theke, zücke meine Karte. Das Piepen des Kartenterminals ist laut in der Stille meines Kopfes
Die 195 Euro sind weg.
Draußen auf dem belebten Parkplatz des Breuningerlandes, ist der Himmel grau. Die Leute hasten an mir vorbei. Die Einkaufstüte mit dem weichen, olivgrünen Pullover baumelt leicht in meiner Hand.
Und ich fühle .... nichts. Weder die große Reue noch die große Freude. Nur dieses seltsame, flaue Gefühl der Entscheidung. Ich habe ihn gekauft. Er gehört jetzt mir. Teuer. Klar. Aber während ich mit dem Auto nach Hause fahre, denke ich nicht an das Geld, das jetzt fehlt. Ich denke an morgen früh, wenn ich ihn anziehen werde. An das Gefühl auf der Haut.
Und ich hoffe, dass die leise Stimme recht behält. Dass er es wert ist.
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Ab und zu gibt es diese kleinen Geschichten, die das Leben schreibt.
Allerdings in lockerer Reihenfolge.
Ich habe heute morgen mein Fahrrad von der Inspektion geholt, es hat dauergeregnet, aber ich muß es ja holen und das Leihrad zurückgeben.
Da wartete Jemand anderes drauf.
Gekostet hat die Inspektion 60 Euro. Ich finde das, dass man eigentlich nur ganz wenig hat machen müssen, schon viel. Aber es ist eben so.
Nach 538 Kilometern mit dem neuen Rad und seit Dezember war alles in Ordnung.
Morgen wollen der Freund und ich einen Tour radeln, es wird sicherlich schön werden und ich habe heute im strömenden Regen auch ganz viel gelbe Krokusse gesehen. Mal sehen, was wir morgen sehen werden und hoffentlich gibt es schönes Wetter.
Nass geworden bin ich, aber nur die Kleidung. Wer viel radelt sollte auch die entsprechende Kleidung haben und die habe ich.









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